Elias-Aufführung am 17. November 2018

Felix Mendelssohn (1809 – 1847)

„Elias“

op. 70 – Oratorium für Soli, Chor und Orchester

Die Elias-Geschichte thematisiert, wie sich nach und nach in Israel der Jahwe-Glaube durchsetzt. Dabei ist Elias eine starke, aber auch kontroverse Gestalt. Wieso kann er sich beispielsweise mit dem Gottesbeweis auf dem Karmel nicht zufrieden geben, wieso hält er es auch nach diesem eindrucksvollen Zeichen für notwendig, alle Baalspriester zu vernichten? Stellt er sich Jahwe möglicherweise ganz falsch vor? Schließlich zeigt die Gottesbegegnung am Horeb keinen zürnenden und rächenden Gott, der sich in gewaltigen Naturereignissen äußert, sondern einen Gott, der sich in einem sanften Säuseln zu erkennen gibt.

Mendelssohn war von der Gestalt des Propheten Elias fasziniert. In ihm sah er, wie er in einem Brief an den Dessauer Pfarrer Julius Schubring, mit dem Mendelssohn befreundet war und der auch schon den Text zum „Paulus“ geliefert hatte, schreibt, einen „Propheten“ „durch und durch“, (…) stark, eifrig, aber wohl auch bös und zornig und finster“ – eine charakterstarke Persönlichkeit, wie er sie sich wohl auch für seine Zeit gewünscht hätte.

Daher reifte bereits nach dem Erfolg seines ersten Oratoriums „Paulus“ im Jahr 1836 die Idee, die Figur des Elias in einem neuen Oratorium zu zeigen. Es entstanden erste Skizzen für den „Elias“, aber dann legte er dieses Projekt wieder auf Eis. Im Sommer 1845 kam aus England die Anfrage, ob Mendelssohn für das Festival in Birmingham ein neues Oratorium schreiben könne. Julius Schubring versorgte Mendelssohn mit geeigneten Bibelstellen, konnte ihn aber letztlich nicht überzeugen, da er die Elias-Figur am Ende neutestamentlich deutete, im Hinblick auf Christus als den von den Juden erwarteten Messias. Daher beendete Mendelssohn diese Zusammenarbeit und stellte Text und Musik des Oratoriums unter großem Zeitdruck fertig.

Mendelssohn, der einer jüdischen Familie entstammte, die zum Christentum konvertiert war, verarbeitete in seinen religiösen Werken seinen eigenen religiösen Werdegang. Deshalb wollte er den Elias als Figur des jüdischen Glaubens darstellen und nicht als Vorläufer Jesu Christi. Im Alten Testament steht Elias immer im Konflikt zwischen der Jahwe- und der Baalsverehrung. Der Name „Elias“ bedeutet ja „Jahwe ist mein Gott“, und stellt gewissermaßen ein Glaubensbekenntnis dar. Als Text verwendete Mendelssohn Bibelstellen der Elias-Erzählung aus dem ersten Buch der Könige sowie Verse aus den Psalmen.

Das Oratorium hat zwei Teile. Der erste Teil beginnt mit dem Fluch des Elias, der eine Dürreperiode verheißt als Strafe Gottes wegen der Abkehr des jüdischen Volkes von Jahwe und der nicht aufhörenden Verehrung des Gottes Baal. Nach Jahren der Dürre verzweifelt das Volk und Obadjah, ein Mitstreiter des Elias, ruft das Volk zur Umkehr auf. Engel führen Elias zu einer Witwe, deren Sohn er retten kann. Auf dem Berg Karmel verkündet Elias, dass er nach drei Jahren die Dürrezeit beenden und erweisen will, wer der rechte Gott ist. Er lässt einen Altar für ein Brandopfer errichten und fordert die Baalspriester auf, ihre Götter anzurufen. Aber es kommt keine Antwort. Elias richtet sich in aller Demut an Gott, und Jahwe zeigt sich in züngelnden Flammen, die das Brandopfer verschlingen. Daraufhin befiehlt Elias, die Baalspriester zu töten. Höhe- und Schlusspunkt des ersten Teils ist dann das Regenwunder.

Im zweiten Teil erhebt die Königin, die den Baalskult in Israel fördert, schwere Vorwürfe gegen Elias und wiegelt das Volk auf, ihn zu töten. Elias geht – von Engeln begleitet – zunächst in die Wüste und anschließend zum Berg Horeb. Dort kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit Gott, der nicht in den großen und gewaltigen Naturerscheinungen wie Erdbeben oder Sturm zu finden ist, sondern in einem sanften Säuseln oder „in einer Stimme verschwebenden Schweigens“, wie Martin Buber übersetzt. Gestärkt von dieser Begegnung stellt sich Elias der Konfrontation mit Verehrern des fremden Kultes und wird am Ende seines Lebens in einem feurigen Wagen gen Himmel entrückt. Der Schluss verkündet dann die Ankunft des Messias, der sein Wirken fortführen wird.

Für Mendelssohn waren die Passionen von Johann Sebastian Bach und die großen Oratorien von Georg Friedrich Händel durchaus Vorbilder, jedoch gibt es im „Elias“ keinen Erzähler, der die Handlung weiterträgt. Der Aufbau des Werkes ist zwar klassisch mit Rezitativen, Arien und Chorsätzen, aber die Rezitative sind dramatisch gestaltete Anreden und Dialoge, wobei er die handelnden Personen direkt sprechen lässt wie in einer Oper. Interessant ist die Funktion des Chores, der verschiedene Rollen in der Handlung einnimmt. Einmal repräsentiert er das Volk Israel als Anhänger Jahwes, dann die Baalsanhänger oder die Seraphim. Außerdem fungiert er (in den „anonymen Chören“) als Ensemble, das die Handlung überdenkt. Das Oratorium verzichtet auf echte Choräle, bewahrt jedoch choralähnliche Strukturen. Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Einleitung, nämlich mit einem Rezitativ des Elias. Erst darauf folgt das Orchestervorspiel und leitet in einen Chor über, der von der Erfüllung der Prophezeiung erzählt.

Die Uraufführung in englischer Sprache fand im August 1846 unter der Leitung von Mendelssohn in Birmingham statt. Vor der Drucklegung überarbeitete Mendelssohn das Werk an etlichen Stellen, da er infolge des großen Zeitdrucks beim Komponieren noch nicht mit allen Stellen zufrieden war. Die erste Aufführung in deutscher Sprache fand im Oktober 1847 in Hamburg ohne Mendelssohn statt. Im November 1847 sollte Mendelssohn das Werk in Wien dirigieren, aber er verstarb wenige Tage vorher infolge eines Schlaganfalls.

In den Folgejahren trat das Werk einen beispiellosen Siegeszug durch die westliche Musikwelt an und war bald ähnlich beliebt wie der „Messias“ von G. F. Händel. Auf dem Kontinent war zunächst der „Paulus“ beliebter, da sich viele Kritiker daran stießen, dass Mendelssohn als Vorlage die Person des Elias wählte, eine eifernde, rechthaberische und schließlich auch mordende Figur. Zusätzlich erfuhr die Wertschätzung der Musik von Mendelssohn eine erhebliche Minderung durch die antisemitische Hetze Richard Wagners und schließlich das Aufführungsverbot durch die Nationalsozialisten nach 1933. Erst seit den 70er Jahren wird Mendelssohns Musik wieder neu gewürdigt und hat ihren festen Platz im Konzertrepertoire zurückerobert.